Begegnung mit einer Legende
Im Südosten Oregons, weit entfernt von Städten und Straßenlärm, leben Pferde, die für viele Wildpferdefreunde einen ganz besonderen Stellenwert haben: die Kiger Mustangs. Wir, Silke, Michael und Lena, haben uns auf den Weg gemacht, um diese Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu erleben – und mehr über ihre Geschichte, ihre Herausforderungen und ihre Zukunft zu erfahren.
Die Wiederentdeckung eines alten Erbes
Die Geschichte der Kiger Mustangs beginnt im Jahr 1977, als Mitarbeiter des Bureau of Land Management (BLM) während eines Routineeinfangs eine kleine Gruppe Beauty Butte Mustangs mit auffallend spanischer Prägung entdeckten. Die Tiere fielen nicht nur durch ihre besondere Fellfärbung – überwiegend dun und grullo mit Aalstrich – auf, sondern auch durch ihre kompakte Statur, geschwungene Hälse und einen wachen, präsenten Ausdruck.
Genetische Untersuchungen bestätigten später, dass diese Pferde in auffälliger Weise mit den ursprünglichen spanischen Reitpferden verwandt sind – jenen Pferden, die einst mit den Conquistadores nach Nordamerika kamen. Um dieses genetische Erbe zu schützen, wurden diese Pferde von anderen Herden getrennt und gezielt in zwei speziell ausgewiesene Gebiete überführt: die Kiger Herd Management Area (HMA) und die Riddle Mountain HMA. Beide liegen im Südosten Oregons, unweit der Stadt Burns.
Seither verfolgt das BLM das Ziel, die Genetik durch kontrollierten Austausch zwischen den beiden Herden zu erhalten. Heute gelten die Kiger Mustangs als eine der ursprünglichsten Mustanglinien der USA.
Ein Lebensraum unter Druck
Vor Ort führte uns ein erfahrener Ranger durch das Gebiet der Kiger Mustangs. Seine Ranch grenzt direkt an das staatlich verwaltete Land, auf dem sich der Großteil der Herde aufhält. Rund 30 Prozent der Fläche, auf der die Mustangs leben, gehören ihm, darunter auch mehrere Wasserstellen – eine entscheidende Ressource in dieser kargen Umgebung.
Der Ranger erzählte uns, dass die Pferde überwiegend in der Nähe der Wasserstellen verweilen. Anders als bei Rindern, mit denen Weidewechsel möglich sind, ist ein gezielter Umtrieb bei Wildpferden gesetzlich nicht vorgesehen. Die Folge: die Flächen rund um die Wasserstellen sind stark überweidet, der Boden verdichtet, kaum noch Vegetation. Eine sehr große Fläche weiter von der Wasserstelle entfernt ist nur durch ein offenes Gatter erreichbar. Doch die Pferde nutzen es nicht. Sie bleiben, wo sie sind – und wo das Wasser ist. Die Folge massive Überweidung einzelner Flächen.
Die Bestandszahlen liegen laut dem Ranger deutlich über dem, was der Lebensraum tragen kann. Während das BLM offiziell einen Bestand von rund 84 bis 139 Tieren in den beiden Gebieten vorsieht, geht er von derzeit über 500 Mustangs aus. Dennoch hat seit Jahren kein größerer „Gather“ – also keine gezielte Einfangaktion – mehr stattgefunden. Organisatorische Gründe und Prioritätsverschiebungen haben dazu geführt, dass der Bestand weitgehend unkontrolliert gewachsen ist.
Zwischen Begehrtheit und Belastung
Kiger Mustangs sind in den USA begehrt. Ihr ursprüngliches Erscheinungsbild, ihr Wesen und ihre Geschichte machen sie zu gesuchten Reit- und Zuchtpferden. Es gibt mittlerweile eine eigene Zuchtorganisation, die Kiger Mesteño Association, die sich der Bewahrung dieser Linie auch in privater Hand verschrieben hat.
Wer einen Kiger Mustang aus der Wildbahn adoptieren möchte, kann dies über das BLM tun – bei Auktionen oder über Onlineplattformen. Doch auch wenn es private Zuchtlinien gibt, bleibt die Erhaltung der freilebenden Kiger Mustangs eine Aufgabe von großer Verantwortung. Denn ihr Lebensraum ist begrenzt. Ohne Management und Rücksicht auf ökologische Tragfähigkeit droht genau das, was wir vor Ort gesehen haben: Übernutzung, Vegetationsverlust und zunehmende Nutzungskonflikte.