Mit dem Fernglas ins Glück

Unsere Reise in den USA führt uns diesmal nach Oregon, genauer gesagt in die Auffangstation in Burns. Und kaum sind wir dort, passiert etwas, das wir selbst jedes Mal ein bisschen verrückt finden: Es fühlt sich an, als würden wir nach Hause kommen. Als ob wir jedes Gitter, jede Kurve, jeden Windstoß hier schon kennen. Wir werden herzlich empfangen – und gleichzeitig sind Lena und ich so aufgeregt wie lange nicht mehr.

Der Grund liegt auf der Hand: In Burns warten derzeit ungefähr 600 Mustangs darauf, adoptiert zu werden. Diese Zahl klingt nüchtern, aber wenn man die Pens vor sich sieht, ist sie überwältigend. Und wir sind heute aus einem ganz bestimmten Grund hier: Wir wollen Mustangs aus der South Steens-Herde ansehen – eine Herde, die weit über Oregon hinaus bekannt ist, vor allem wegen ihrer Farbvielfalt.

Umso mehr fällt uns mit dem ersten Blick etwas auf: In den Pens stehen gar nicht mehr so viele „Bunte“, wie man es aus Erzählungen kennt. Für uns bedeutet das zweierlei. Erstens: Ja, die South Steens sind berühmt für ihre Farben – aber sie bestehen eben nicht nur aus Pintos und Appaloosas. Dort stehen auch unglaublich viele einfarbige Mustangs, die im ersten Moment leicht im Hintergrund verschwinden. Und zweitens: Es müssen seit dem Einfangen bereits einige Pferde ein Zuhause gefunden haben. Darüber freuen wir uns sehr. 

Um uns einen Überblick zu verschaffen, setzen wir uns ins Auto und fahren einmal rund um die Pens – die sogenannte Autotour. Klingt erst einmal entspannt – ist es aber nur bedingt, denn die Pens sind so groß, dass man die Pferde häufig nur mit Fernglas wirklich erkennen kann. Bevor wir losfahren, lassen wir uns einen Plan geben, denn nicht alle Pens beherbergen Mustangs, die aktuell adoptiert werden können. Einige Pferde sind bereits für eine Challenge vorausgewählt worden – Trainer werden diese in den nächsten Tagen abholen. Diese Pens passieren wir heute bewusst, ohne näher hinzuschauen. Das fällt uns nicht leicht, aber wir haben ein klares Ziel.

Es ist bitterlich kalt, und wir sind bereits im Nebel angekommen. Zwischendurch klärt es minimal auf, gerade genug, um überhaupt Pferde erkennen zu können. Wir finden relativ schnell zwei Pens, in denen wir einzelne Tiere halbwegs identifizieren können – aber das ist bei Eiseskälte und auf Entfernung wirklich eine Geduldsprobe. TAG-Nummern lesen, während einem die Finger einfrieren, ist… sagen wir: nicht romantisch.

Wir beobachten die Mustangs in der Gruppe. Und trotzdem merken wir schnell: So kommen wir nicht weiter. Zu kalt, zu weit, zu viele Pferde. Wir sind neben einem privaten Projekt außerdem auf der Suche nach zwei Mustangs, für die uns Privatpersonen gebeten haben, gezielt Ausschau zu halten. Doch erst einmal finden wir nicht genau das, wonach wir suchen sollten.

Wir fahren die Autotour zweimal, einfach um uns kurz aufzuwärmen, und melden uns dann im Büro: Wir möchten sehr gerne zwei Gruppen näher anschauen und fragen, ob sie näher gebracht werden können. In der Stallanlage gibt es Wärmelampen für Menschen – wir stehen dort und spüren, wie der Körper langsam wieder auftaut. Und dann hören wir es: Hufe und Panelgeklapper. Dieses typische Geräusch, wenn eine Gruppe herein kommt. Die Pferde laufen Richtung Chute.

Ein Chute ist im Prinzip ein schmaler Treib- und Sortiergang, eine Art „Korridor“, durch den die Mustangs nacheinander geführt werden. So können Mitarbeitende die Tiere besser sehen, sortieren, markieren, medizinisch checken oder in andere Gruppen umsiedeln. In Burns arbeitet man mit sehr viel Ruhe und Gedult. Der Chute ist hoch professionell aufgebaut. Für Außenstehende wirkt das schnell technisch – aber für uns ist es oft die einzige Chance, Pferde wirklich fair beurteilen zu können, statt sie im Nebel als Punkte hinter Gittern zu erahnen.

Die erste Stute läuft ganz vorne hinein – eine Snowflake-Appaloosa, mutig, groß, auffällig, etwa 3–4 Jahre alt. Schon beim ersten Blick ist klar: Hier stehen nicht „Pferde“, hier stehen Geschichten. Wie gerne wüssten wir zu jedem Pferd seine ganz eigene Geschichte. Einige werden und diese Geschichte viele Monate später vielleicht erzählen. Noch müssen wir uns damit begnügen die Pferde einen kurzen Moment lang kennenzulernen.

Wir schauen uns am Ende ungefähr 100 Mustangs an. Bei manchen treffen wir sehr schnell eine Entscheidung. Bei anderen fällt es uns schwer – weil man spürt, dass es nicht an „gut oder schlecht“ liegt, sondern an Zeit, Kapazitäten, Zukunft und vorallem Geld. Unsere ursprüngliche Idee war, vielleicht zehn Mustangs auszuwählen. Diese Zahl erreichen wir schneller, als uns lieb ist – und dabei hatten wir die zweite Gruppe noch nicht einmal gesehen.

Die Mitarbeiter schlagen vor, erst einmal alle interessanten Pferde in eine Auswahlgruppe zu packen und später final zu entscheiden. Und wie diese Auswahl endet… das wissen wohl alle, die uns kennen.

Wir helfen mit, die Mustangs zügig durch den Chute laufen zu lassen, indem wir schnell zwischen „Germany“ und „will stay“ entscheiden. Es ist eine blöde Situation, weil man in Sekunden entscheiden soll, was eigentlich eine Entscheidung fürs Leben ist. Und dann steht plötzlich eine Stute im Chute, die alles verändert: eine ganz schwarze Stute.

Diese schwarze Stute ist anders. Sie wirkt extrem sensibel, sehr scheu, fast so, als würde sie versuchen, sich unsichtbar zu machen. Und doch ist genau das ihr Problem: Einfarbige Mustangs werden so oft übersehen, gerade in großen Gruppen.

Alles geht schnell. Lena ist erst skeptisch, aber in mir ist sofort dieses Gefühl: Diese Stute gehört irgendwann nach Deutschland. Also kommt sie auf die Liste. Später, als wir sie in der Gruppe beobachten können, bestätigt sich das Gefühl: Sie lässt sich herumschubsen, geht Konflikten aus dem Weg, wirkt in der Masse fast verloren. Und ihre Hufe… man sieht sofort, dass da Arbeit nötig ist. Mir geht die Stute nicht mehr aus dem Kopf und die Entscheidung steht, dass sie in die finale Gruppe kommen wird.

Am Ende stehen auf unserer Liste nicht zehn Pferde. Sondern 23. Eine Menge, mit der wir niemals gerechnet hätten. Aber wenn man vor diesen Mustangs steht, wenn man sieht, wie sie hinter den Gittern entlanglaufen, wie sie noch nicht wissen, ob Menschen Gefahr oder Chance bedeuten – dann macht das etwas mit einem. Es ist dieses Gefühl, helfen zu müssen. Vielleicht ist es auch unser Berufsrisiko!

Im Nachgang konnten wir  vier Mustangs direkt vermitteln. Diese Pferde gehen zu Freunden ins Adoptionsjahr und dürfen dann später zu ihren Besitzern reisen. Die übrigen  19 verbringen ebenfalls ihr Adoptionsjahr in den USA.

Das Adoptionsjahr ist dabei mehr als ein organisatorischer Begriff: Es ist ein zwölfmonatiger Zeitraum, in dem der Besitz am Mustang offiziell noch nicht „endgültig“ übertragen ist und bestimmte Bedingungen erfüllt werden müssen. In dieser Zeit werden viele Pferde behutsam an Menschen, Handling, Hufpflege und Alltag herangeführt.

Für uns ist es eine riesige Freude, diese Pferde nun durch die nächsten zwölf Monate zu begleiten. Und wenn man es romantisch sagen will: Sie sind Legenden Oregons. Denn die South Steens-Herde ist nicht nur bekannt, sie ist auch ein Symbol dafür, wie schwierig das Management in den HMAs ist.

Denn ja: Die South Steens Pferde wurden über mehrere Jahre hinweg eingefangen, weil Bestände und Ressourcen in Balance gebracht werden sollen – meist geht es dabei um Futter, Wasser, Lebensraum, um die Frage, wie viele Pferde ein Gebiet langfristig tragen kann. Nach einem Gather bleiben typischerweise einige Pferde „on the range“, oft auch die scheuesten und schlauesten – die, die den Helikopter umgehen. Und ein Teil der zurückgesetzten Stuten wird häufig mit PZP behandelt. Dies passierte auch bei den South Steens Pferden.

PZP ist übrigens ein Verhütungsimpfstoff: Er verhindert für eine gewisse Zeit, dass eine Stute tragend wird. Das soll die Population stabilisieren.

Und genau da liegt unsere große Frage: Wie entwickelt sich eine Herde, wenn die scheuesten Pferde draußen bleiben – und die zurück gebrachten Stuten erst einmal keine Fohlen bekommen? Was passiert in fünf Jahren? Welche Pferde wachsen dann „on the range“ auf? Und welche haben später überhaupt eine realistische Chance auf Adoption?

Wir wissen nicht, wie das Management der South Steens in Zukunft aussehen wird. Wir wissen aber, dass die Population wieder steigen wird – und wir hoffen sehr auf Lösungsansätze, die langfristig tragen: Management, das Bestände stabil hält, ohne dass es ständig zu Krisen kommt. Und gleichzeitig Strukturen, die Mustangs eine echte Chance geben – auf der Range und später, wenn es sein muss, in Menschenhand.

Für uns bleibt nach diesem Tag in Burns vor allem eins: Dankbarkeit. Für die Menschen, die dort arbeiten. Für die Möglichkeit 23 Mustangs eine Chance auf ein besseres Leben zu geben. Und für diese Momente, in denen wir merken, warum wir uns so sehr für die Mustangs einsetzen.