Wenn wir über amerikanische Mustangs sprechen, denken viele zuerst an die bekannten Herdengebiete des Bureau of Land Management, kurz BLM. An große Landschaften in Nevada, Oregon, Wyoming oder Utah. An Herden, die in offiziellen Herd Management Areas leben, deren Bestände gezählt, verwaltet und regelmäßig in den Zahlen des Wild Horse and Burro Program veröffentlicht werden.
Das ist nachvollziehbar, denn das BLM prägt die öffentliche Wahrnehmung der Mustangs wie kaum eine andere Behörde. Es verwaltet in den USA rund 245 Millionen Acres öffentliche Flächen. Das entspricht etwa einem Zehntel der gesamten Landfläche der Vereinigten Staaten und ungefähr dem 2,8-Fachen der Fläche Deutschlands. Die meisten dieser Flächen liegen in den westlichen Bundesstaaten und in Alaska.
Doch dieses große System bildet nicht alle freilebenden Pferde in den USA ab. Neben den BLM-Herden leben auch auf sogenannten Tribal Lands bedeutende freilebende Pferdepopulationen. Sie tauchen nicht automatisch in den offiziellen BLM-Bestandszahlen auf, werden nicht durch das BLM-Wild Horse and Burro Program verwaltet und stehen oft in einem eigenen historischen, kulturellen und rechtlichen Zusammenhang.
Genau hier beginnt ein Thema, das vielen Mustang-Freunden weniger vertraut ist. Diese Pferde werden im Alltag manchmal als „Reservation Mustangs“ bezeichnet, obwohl das keine offizielle rechtliche Kategorie ist. Treffender ist die Bezeichnung freilebende Pferde auf Tribal Lands. In amerikanischen Behörden- und Fachtexten findet sich häufig der Begriff „feral horses“. Er beschreibt Pferde, die nicht dem BLM-Wildpferdeprogramm unterliegen und auf Tribal Lands oder anderen Flächen frei leben. Für viele Menschen klingt dieser Begriff jedoch abwertend oder unvollständig, besonders wenn die Tiere seit Generationen frei leben und eine tiefe Verbindung zur Geschichte ihrer Landschaft haben.
Was sind Tribal Lands?
Als Tribal Lands werden in den USA Landflächen bezeichnet, die mit anerkannten indigenen Nationen verbunden sind. Dazu gehören Reservate, aber auch weitere Flächen, die im Besitz einer Tribal Nation stehen oder von der US-Regierung treuhänderisch für eine Tribal Nation oder einzelne indigene Personen gehalten werden.
Das Bureau of Indian Affairs nennt rund 56,2 Millionen Acres, die in den USA treuhänderisch für Tribes und einzelne indigene Personen gehalten werden. Zudem gibt es etwa 326 Indian land areas in den Vereinigten Staaten.
Wichtig ist: Tribal Lands sind keine normalen staatlichen Verwaltungsflächen wie die öffentlichen Weideflächen des BLM. Die jeweiligen Tribal Nations besitzen eigene Zuständigkeiten, eigene Regeln und eine besondere staatliche Souveränität.
Deshalb werden freilebende Pferde auf diesen Flächen nicht automatisch vom Bureau of Land Management verwaltet und erscheinen auch nicht in den offiziellen BLM-Bestandszahlen.
Das macht die Datenlage komplizierter. Während das BLM seine Wildpferdegebiete in Herd Management Areas erfasst, gibt es für freilebende Pferde auf Tribal Lands keine einheitliche nationale Herdenliste. Jede Tribal Nation entscheidet selbst, wie sie mit den Pferden auf ihrem Land umgeht. Dabei geht es nicht nur um Tierzahlen, sondern oft um ein sensibles Spannungsfeld aus Kultur, Geschichte, Tierwohl, Weideland, Wasserressourcen, wirtschaftlichen Fragen und der eigenen Verantwortung für das Land.
Was über die Zahlen bekannt ist
Eine einfache Antwort auf die Frage, wie viele „Reservation Mustangs“ es in den USA gibt, existiert nicht. Es gibt keine aktuelle, vollständige nationale Zählung aller freilebenden Pferde auf Tribal Lands. Der US-Rechnungshof GAO berichtete 2017 auf Grundlage von Angaben der National Tribal Horse Coalition und ausgewählter Tribal-Daten von mindestens 93.000 feral horses auf Tribal Lands. Gleichzeitig machte der Bericht deutlich, dass diese Zahl keine vollständige landesweite Erfassung darstellt.
Das bekannteste Beispiel ist die Navajo Nation. Sie umfasst ein sehr großes Gebiet in Arizona, New Mexico und Utah. Dort wurde 2016 eine systematische wissenschaftliche Erhebung der freilebenden Pferde durchgeführt. Die Studie umfasste rund 67.000 Quadratkilometer und schätzte den Bestand damals auf etwa 38.000 Pferde.

Auch die Warm Springs Reservation in Oregon ist ein wichtiges Beispiel. Die Confederated Tribes of Warm Springs betreiben ein eigenes Horse Herd Reduction Program. Dieses Programm ist Teil des Range and Agriculture Department und soll dazu beitragen, Pferdepopulationen mit den verfügbaren Ressourcen des Landes in ein tragfähiges Gleichgewicht zu bringen. Es zeigt, dass einzelne Tribal Nations eigene Wege entwickeln, um mit freilebenden Pferden auf ihrem Land umzugehen.
Ein weiteres Beispiel ist die Yakama Nation in Washington. Der GAO-Bericht von 2017 nennt Daten, nach denen die freilebende Pferdepopulation auf Yakama-Land von weniger als 3.000 Pferden im Jahr 2005 auf fast 10.000 Pferde im Jahr 2015 gestiegen sei. Diese Zahlen sind nicht mehr aktuell, sie zeigen aber, wie schnell solche Populationen wachsen können und wie schwierig es ist, belastbare und regelmäßig aktualisierte Daten zu erhalten.
Damit ist die wichtigste Aussage nicht eine einzelne Zahl, sondern die Lücke dahinter: Die offiziellen BLM-Zahlen zeigen nur einen Teil der freilebenden Pferde in den USA. Auf Tribal Lands leben weitere große Populationen, die in vielen öffentlichen Diskussionen über Mustangs kaum sichtbar werden.
Der entscheidende Unterschied: Schutz, Zuständigkeit und weiterer Weg
Genau hier liegt der entscheidende Unterschied zu den bekannten BLM-Mustangs. Pferde, die unter den Wild Free-Roaming Horses and Burros Act fallen, stehen unter einem besonderen bundesrechtlichen Schutz. Sie werden vom BLM verwaltet, eingefangene Tiere kommen in ein staatliches Halte-, Adoptions- oder Verkaufsprogramm, und das BLM erklärt ausdrücklich, keine Wildpferde oder Burros zur Schlachtung zu verkaufen oder dorthin zu schicken.
Für freilebende Pferde auf Tribal Lands gilt dieses System nicht automatisch. Sie erscheinen nicht in den BLM-Bestandszahlen, werden nicht über das BLM-Wild Horse and Burro Program betreut und haben keinen einheitlichen Zugang zu staatlich finanzierten Auffang- und Adoptionsstrukturen. Die Verantwortung liegt bei der jeweiligen Tribal Nation, oft in einem schwierigen Spannungsfeld aus Kultur, Geschichte, Weideland, Wasser, Tierwohl und fehlenden finanziellen Mitteln.
Das bedeutet nicht, dass jede Tribal Nation gleich handelt. Es bedeutet aber, dass der weitere Weg eingefangener Pferde sehr unterschiedlich sein kann. Manche werden über eigene Programme verkauft oder vermittelt. Andere können, wenn keine Käufer oder Auffangplätze gefunden werden, in den allgemeinen Pferdemarkt geraten. Und genau dort beginnt das Risiko, dass Pferde in Verkaufsketten landen, die sich kaum noch kontrollieren lassen.
Deshalb lohnt sich der Blick auf diese weniger bekannten Mustang-Populationen. Sie zeigen, dass die Geschichte der freilebenden Pferde in Nordamerika nicht an den Grenzen der BLM-Gebiete endet. Auf Tribal Lands leben Pferde, die oft kaum sichtbar sind, obwohl ihr Schicksal eng mit denselben Fragen verbunden ist: Wie viel Schutz bekommen sie? Wer trägt Verantwortung? Und was geschieht mit ihnen, wenn sie ihre Freiheit verlieren?
Vielleicht liegt genau darin die besondere Bedeutung dieses Themas. Der Mustang ist nicht nur eine Frage von Bestandszahlen und Managementplänen. Er ist verbunden mit Geschichte, Land, Kultur und Verantwortung. Und manchmal beginnt ein ehrlicherer Blick genau dort, wo eine Zahl fehlt.
Stand der Informationen: Juli 2026
Was sind Tribal Lands?