Die Zukunft der Wildpferde in den westlichen USA bleibt eines der emotionalsten und zugleich komplexesten Themen im Umgang mit Amerikas freilebenden Pferden. Kaum ein anderes Thema wird so leidenschaftlich diskutiert wie die Frage, ob Einfangaktionen gerechtfertigt sind – und was eigentlich passiert, wenn man auf ein Management vollständig verzichtet.
Fest steht: Die Zahlen zeigen sehr klar, warum das Thema nicht einfach mit einem „Lasst sie doch in Ruhe“ beantwortet werden kann. Nach den aktuellsten BLM-Daten lebten zum 1. März 2026 85.466 Wildpferde und Burros auf BLM-Flächen in zehn westlichen Bundesstaaten. Die von der Behörde festgelegte Appropriate Management Level, also die Zahl, die laut BLM auf diesen Flächen langfristig tragfähig ist, liegt jedoch nur bei 25.592 Tieren. Damit leben derzeit 59.874 Tiere über diesem Zielwert auf der Fläche – das entspricht mehr als das Dreifache des aus Sicht des BLM nachhaltigen Niveaus.
Mit entscheidend, weil es hier eben nicht nur um einzelne Herden auf unberührtem Land geht, ist auch der Erhalt der Flächen. Die Tiere leben auf Flächen, die klimatisch oft extrem sind und auf denen Wasser und Futter ohnehin oft begrenzt ist. Die Herden sind zum großen Teil mit Stacheldraht eingezäunt, heißt ein Abwandern ist nicht möglich. Gerade in Dürrejahren verschärft sich die Situation zusätzlich.
Ein Blick in die Zukunft
Das BLM betont seit Jahren, dass Wildpferde- und Burrobestände ohne wirksames Management im Schnitt um 20 Prozent pro Jahr wachsen und sich damit in etwa alle vier bis fünf Jahre verdoppeln können. Was das bedeutet, ist dramatisch: Würde man die aktuelle Population von 85.466 Tieren einfach sich selbst überlassen und mit einem mittleren jährlichen Wachstum weiterlaufen lassen, läge sie in vier Jahren bereits bei rund 177.300 Tieren, in fünf Jahren sogar bei etwa 212.600 Tieren bei einem solchen Wachstum. Selbst die konservativeren Szenarien würden die heutige Überpopulation also noch einmal massiv verschärfen.
Dazu kommt, dass nicht in allen Regionen Fressfeinde vorhanden sind und die Tiere meist auf den gleichen Flächen grasen. Selten werden weiter abgelegene Stellen aufgesucht. Dadurch haben die Gräser keine Chance sich zu regenerieren, Samen zu bilden oder sich zumindest vom Verbiss zu erholen.
Bedeutet Wildbahn = sanfteres Schicksal?
Ein weiterer wichtiger Punkt, der in der öffentlichen Debatte oft untergeht: Wer fordert, die Pferde einfach in der Wildbahn zu belassen, fordert damit nicht automatisch ein sanfteres Schicksal. Im Gegenteil. Wenn Bestände dauerhaft deutlich über der Tragfähigkeit des Landes liegen, steigen Konkurrenz um Wasser und Futter, Körperkonditionsverluste, Verletzungen in Rangkämpfen und die Zahl der Tiere, die in abgelegenen Gebieten ohne jede Hilfe verenden. Das BLM begründet Gathers deshalb ausdrücklich auch mit dem Schutz von Herdengesundheit und Landgesundheit.
Aber auch hier lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Zahlen. In BLM-Unterlagen zu Gather-Planungen wird für motorisierte oder helikopterunterstützte Einsätze eine gather-related mortality, also eine Sterberate von ungefähr unter 1 Prozent angegeben. In anderen aktuellen BLM-Dokumenten wird die akute capture-related mortality sogar mit unter 0,5 Prozent beschrieben. Zusätzlich werden im Durchschnitt etwa 0,7 Prozent der eingefangenen Tiere human eingeschläfert, weil sie bereits schwere chronische oder akute gesundheitliche Probleme haben und nicht mehr sinnvoll versorgt werden können. wichtige Einordnung. Denn selbst wenn jede Euthanasie tragisch ist, sprechen wir hier bei Gathern nicht über zweistellige Verlustraten, sondern über einen sehr kleinen Prozentsatz der eingefangenen Tiere.
Anders gesagt: Die Zahl der Tiere, die im Rahmen eines Gathers versterben oder aufgrund schwerer Vorerkrankungen eingeschläfert werden, liegt nach den vom BLM selbst verwendeten Maßstäben deutlich unter dem Risiko, das einer unkontrolliert weiterwachsenden Population in Dürre, Futtermangel und Übernutzung der Flächen droht.
Fruchtbarkeitskontrollen als Option
Das BLM setzt zudem auf Fruchtbarkeitskontrolle, allerdings bislang in vergleichsweise begrenztem Umfang. Im Fiskaljahr 2025 wurden 921 Tiere mit Fertilitätskontrolle behandelt; 2024 waren es 1.038. Gleichzeitig wurden 2025 7.853 Tiere von der Fläche genommen, 2024 sogar 16.140. Diese Zahlen zeigen, wie groß die Herausforderung weiterhin ist: Fruchtbarkeitskontrolle ist ein wichtiges Instrument, reicht aber bislang nicht aus, um die Bestände allein auf ein tragfähiges Niveau zu bringen. Wenige Pferde können vor Ort per Blasrohr behandelt werden, die meisten müssen für die PZP Behandlung ebenfalls eingefangen und später wieder in die Freiheit entlassen werden.
Das Leben in der Auffangstation
Das BLM betreute Ende 2025 ungefähr 63.000 Tiere in Off-Range-Haltung. Gleichzeitig konnten im Fiskaljahr 2025 zwar wieder mehr als 8.000 Tiere in private Hände vermittelt werden, doch die langfristige Unterbringung bleibt ein großer Kosten- und Kapazitätsfaktor.
Gathers sind nicht schön. Haltung in Auffangstationen ist ebenfalls keine perfekte Lösung. Und dennoch zeigen die aktuellen Zahlen, dass ein völliger Verzicht auf Bestandskontrolle die Lage nicht menschlicher, sondern voraussichtlich deutlich härter machen würde. Denn eine Population, die heute schon das Dreifache des als tragfähig angesehenen Niveaus erreicht, wächst ohne Eingriffe weiter – während Wasser, Futter und belastbare Flächen nicht mitwachsen. Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, zwischen „gut“ und „böse“ zu wählen. Die echte Herausforderung ist, ein Management zu finden, das Tierwohl, genetische Vielfalt, Lebensraum, Kosten und gesellschaftliche Akzeptanz so gut wie möglich zusammenbringt.
Dazu gehören mehr wirksame Fruchtbarkeitskontrolle, bessere Vermittlungsmodelle, sorgfältige Bestandssteuerung und eine ehrliche Kommunikation darüber, was in der Wildnis tatsächlich geschieht, wenn man zu lange gar nichts tut.
Die Zukunft der Wildpferde ist ungewiss
Eines ist klar: Die Entscheidungen, die heute getroffen werden, bestimmen nicht nur die Zukunft einzelner Herden. Sie entscheiden darüber, ob Wildpferde in den westlichen USA langfristig gesund und in vertretbarer Zahl auf der Fläche leben können – oder ob das romantische Bild von Freiheit am Ende in Hunger, Verletzung und stillem Sterben in der Wildnis endet.